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Gabriela Muri

Melvil oder Das verfügbare Gedächtnis

«Das Privileg des Menschen ist es, Fehler machen zu dürfen, Maschinen machen Fehler aus einer Laune heraus oder weil wir sie falsch programmiert haben.»

Der Roman „Melvil“ erzählt von Melvil Given, der in der Informationstechnologie forscht. Er teilt sich mit Greg das Büro, der sich täglich in Stapel von Papieren versenkt. Sie repräsentieren unterschiedliche Sphären. Mevil forscht digital über Lichtwellenleiter, während Greg ganz alte Schule ist und mit papiernen Akten im Ölhandel arbeitet. In diesem Setting spiegelt sich die Epochenschwelle zwischen digital und analog, Papierakten und Google. So entwickeln sich zwischen Melvil und Greg lebhafte Gespräche über Mensch und Maschine, Fehler und Zufall. Um diesen Kern herum gruppiert Muri zwei weitere Erzählebenen. Melvil experimentiert nebenher mit Zigaretten, die beim Rauchen Farbillusionen erzeugen – worüber er selbst im TV die Farben verliert: Das Bild wird schwarzweiss, und gesendet werden immer dieselben kurzen Szenen in Endlosschaufe. Durchbrochen wird diese Ebene mit einem alten chinesischen Märchen, das Melvil gleich zu Beginn auf einem Flug erzählt bekommt, das ihn fremd anmutet, ihm aber im Gedächtnis haften bleibt. Der Titelheld kommt sich selbst allmählich abhanden.
Gabriela Muri baut aus diesen Elementen ein dicht gefügtes Netz aus Verweisen, Motiven, Themen und Zitaten, das entfernt an die Romane von Don DeLillo, allen voran an „Weisses Rauschen“ (1984) erinnert. Themen und Motive erscheinen eingebettet in eine total orchestrierte Prosa, die zwar meist unangestrengt und leicht klingt, doch voller Paranoia, Mysterien, Rätsel steckt, die sich munter verzweigen und das erwähnte Kernthema, die Epochenschwelle, umspielen. Das ist auf eine erfrischende und zudem überzeugende , genaue Weise erzählt und verströmt etwas grosszügig Urbanes, wie es in der Schweizer Literatur selten ist.
(Beat Mazenauer)
     
Langversion auf viceversaliteratur.ch

Songdog Verlag, Bern / Wien 2020

ISBN: 978-3-903349-06-3

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